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DIE RUHMREICHEN RÄCHER # 65

 

gesehen von Peter L. Opmann

 

 
Dieses Heft war für mich zunächst mal – nach den begeisternden Werken von Gene Colan – eine Enttäuschung. Das Cover scheint von John Buscema zu sein, aber innen war ein unbekannter Zeichner namens Barry Smith (hier ohne Windsor) am Werk, den ich ziemlich gewöhnungsbedürftig fand. 
Über die Story muß man kaum viele Worte verlieren – es gibt nahezu keine. Alles ist nur Prolog, Vorbereitung auf das zweite große Duell der Rächer mit dem Roboter Ultron: 
Die Rächer testen das unzerstörbare Metall Adamantium; Vision verschwindet, um das Adamantium zu stehlen, und kehrt zurück, um Ultron-6 die Bühne zu bereiten; zwischendurch gibt’s Attentate auf den Eisernen und die Wespe, denen sie jeweils knapp entgehen. 
Das war’s. Viel raunende Vorahnung künftiger Kämpfe, wenig Action-Substanz.

Die Zeichnungen waren nach meinem ersten Eindruck schlecht. Auf den ersten Blick sah ich, daß diesem Smith die Routine fehlte, Thor, Vision, Goliath und die anderen so zu zeichnen, wie sich das gehörte. 
Alles wirkte unsicher, krakelig, nicht ganz richtig. Auf den zweiten Blick fiel mir auf, daß Smith ein bißchen wie Jack Kirby zeichnen wollte, aber offenbar nicht konnte. Thor war immer in den gleichen Posen wie beim „King“ dargestellt. Die Hände aller Akteure sind überwiegend in Kirbys Schema gezeichnet. Maschinen sehen ein wenig wie bei ihm aus. Aber der Gesamteindruck war überhaupt nicht wie bei Kirby. Der Hauptunterschied bestand neben dem etwas unpräzisen Strich darin, daß Smith sehr unterschiedlich große, teils ineinander verschachtelte Panels verwendete. Zum Teil ließ er sie direkt aneinander grenzen, was ich überhaupt noch nie gesehen hatte und was mir auch nicht besonders gefiel.

Allerdings reizte das Heft dazu, es immer wieder zur Hand zu nehmen, immer wieder über diesen eigenartigen Zeichenstil den Kopf zu schütteln. Ich revidierte zwar nicht so schnell meine Meinung, mußte mich aber immer wieder davon überzeugen, was da falsch gelaufen war. 
Mit der Zeit entdeckte ich dann doch einige Dinge, mit denen der Zeichner zu einem ganz neuen Ausdruck gefunden hatte. Als erstes freundete ich mich mit einem ganzseitigen Panel auf der 15. Seite an: 
Die Rächer beraten in ihrem Hauptquartier, wie sie auf das Verschwinden von Vision reagieren sollen. Kleine Inserts zeigen die Köpfe der Sprechenden, wie das später Frank Miller gern machte. Die Diskussion wird durch einen Schrei von Janet Pym aus dem oberen Stockwerk unterbrochen. Der Blick des Betrachters wird dabei zunächst im Raum herum und dann die Treppe hinauf geführt, von wo der Schrei kam. Fand ich irgendwie beeindruckend.

Nach und nach entdeckte ich, daß Smith häufiger die Geschehnisse auf diese Weise inszenierte, daß die merkwürdige Anordnung der Panels oft einen bestimmten Sinn hatte. Spektakulär war vor allem ein weiteres ganzseitiges, jugendstilig verziertes Panel mit Vision, der gerade eine Raumschiffbesatzung ausschaltet. Sehr interessant waren auch die beiden Seiten, auf denen der Eiserne bei einem Experiment mit Atomstrahlen(!) beinahe draufgeht, wo Smith unter anderem Digitalanzeigen einblendet. 
Er war 20, als er diese Rächer-Episode zeichnete, und wollte vermutlich wirklich etwas Ungewöhnliches vorlegen, er wollte sich für Marvel empfehlen. Ich habe diese Spielereien dann gelegentlich in meinen eigenen Comics zu kopieren versucht.

Heute weiß ich mit dem Namen Barry Windsor-Smith natürlich einiges mehr anzufangen als damals. Ich weiß auch, daß sein Inker, Syd Shores, ein Altmeister war, der zusammen mit Kirby im Golden Age frühe Captain America-Ausgaben gestaltet hatte. 
Ob das hilfreich gewesen wäre, wenn ich es schon damals gewußt hätte?

Die Eiserner-Episode in diesem Heft hieß „Der Tod von Tony Stark“. Hauptsächlich wird aber der Mandarin als Superschurke eingeführt. Obwohl er mich nie so richtig überzeugte, wurde er in den kommenden Ausgaben quasi zum Stammgast in der Serie.

Das war’s von den Rächern. Inhaltlich folgte zwar noch die eine oder andere interessante Ausgabe wie die # 76, wo sie Geld brauchen und ihre Arbeitskraft verkaufen und sozusagen gegen den Kapitalismus kämpfen, oder die # 82, wo eine feministische Frauencombo ihr Gegner ist. 
Zeichnerisch dagegen hat mich bis zur Einstellung der Serie kaum noch ein Heft so richtig überzeugt. Sal Buscema zeichnete sehr schematisch, was auf mich wie Faulheit wirkte. Dann kehrte der große Bruder John zurück, aber die Sachen sahen nicht mehr aus wie in den 40er und 50er Ausgaben. Gegen Ende der Williams-Rächer kehrte auch Barry Smith nochmal kurz zurück mit einem ziemlich veränderten Zeichenstil. 
Rich Buckler, der die letzte Ausgabe zeichnete, schien ganz vielversprechend zu sein. Zwischendurch gab es freilich die Saga des Kriegs der Kree gegen die Skrull, überwiegend von Neal Adams gestaltet (herausragend die extra lange Story in # 92), aber die Story war mir damals zu unübersichtlich. 
Daher fahre ich jetzt mit der nächsten Serie fort.
  
  
Peter L. Opmann, 19.07.2007
 
 
 

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