Seite geändert am:

 

 

DER MÄCHTIGE THOR # 12

 

gesehen von Peter L. Opmann

 

 
Kommen wir also zu Thor, meinem eigentlichen Lieblingshelden in der Marvel-Frühphase. Ich muß auch frühere Ausgaben der Serie gelesen haben; gerade die Vorgängerausgabe mit dem Radioaktivmann kommt mir sehr bekannt vor, auch die # 9, wo Thor unter einer Pyramide begraben wird, und über die # 7 mit ihrer hinreißenden Coverillustration habe ich oben schon geschrieben. 
Wenn ich mir die Hefte meiner Sammlung aber so betrachte, dann macht die # 12 den Eindruck, als sei es die erste Ausgabe gewesen, die ich mir damals gekauft habe.

Thor ist problematisch, weil ich meine damalige Begeisterung für diese Serie viel weniger nachvollziehen kann als beispielsweise im Fall der Rächer. Es ist ein eigenartig zusammengestelltes Heft: Wie beim Hulk war die Titelserie relativ kurz (hier normalerweise 13 Seiten), und dann folgte eine Zweitserie, die länger und Thor darüber hinaus in allen Belangen deutlich überlegen war: 
Silver Surfer (hier übersetzt als „Silberstürmer“). Selbst mir als Zehnjährigem dürfte aufgefallen sein, daß die Füllgeschichte um Längen besser erzählt und gezeichnet ist als die Titelstory. Der Titel wurde natürlich deshalb so zusammengestellt, weil Thor langfristig eine der führenden Marvel-Serien war, Silver Surfer dagegen nach 18 Ausgaben schon wieder abtrat. 
Witzig: Just in der Folge, die zum Teil in diesem Heft abgedruckt ist, tritt der Silver Surfer gegen Thor an. 

Trotzdem mochte ich den Silberstürmer längst nicht so wie Thor. Thor war einfach der Inbegriff des positiven, edlen Helden, wie ihn kleine Jungs eben mögen: 
Er sah mit der blonden Mähne, dem Cape und den Flügeln an seinem Helm wirklich aus wie ein Held, er war edelmütig bis zum schmerzhaften Pathos (das drückt sich schon in seiner Sprache aus), und er war wirklich superstark. Daß er der Marvelheld mit den definitionsgemäß größten Kräften war, habe ich zweifellos mitbekommen. Der Zauberhammer hat sicher einen zusätzlichen Reiz ausgemacht.

Wenn ich die Thor-Story, in der er wieder mal von seinem Halbbruder Loki reingelegt wird, heute lese, muß ich zugeben, daß sie zwar recht simpel, aber nicht ganz dumm konstruiert ist: 
Thor wird, da von Loki abgelenkt, von seinem eigenen fliegenden Hammer am Kopf getroffen und gerät damit unter Lokis Kontrolle. Der läßt ihn auf der Erde einigen Unsinn anstellen, bis die Götter von Asgard Thor auf dieselbe Weise zur Vernunft bringen, indem sie den Hammer nämlich so manipulieren, daß er noch einmal an den Kopf schlägt und den Bann bricht. 
Überraschenderweise ist das von dem Inker Joe Sinnott in einem sorgfältigen, aber etwas altmodischen Stil gezeichnet. Heute vermisse ich sofort das Artwork von Jack Kirby, 1975 hatte ich dafür noch keinen Blick.

Die Silver Surfer-Episode zählt wohl mit zum Besten, was John Buscema an seinem Zeichenbrett erschaffen hat. Vor allem dürfte sie mich aber wiederum inhaltlich angesprochen haben. Das Pathos ist hier quasi bis zur Parodiegrenze gesteigert: Ein „Guter“ kämpft gegen einen „Guten“ – nicht wie sonst üblich ausgelöst durch ein freundliches Mißverständnis, sondern wiederum listig eingefädelt von Loki. Auf Grund ihres eigenen Ehrenkodex können die beiden Helden letztlich nicht anders, als sich zu duellieren. 
Heute würde ich sagen: der eigentliche Kampf fällt relativ kurz aus, aber die Atmosphäre von Asgard gestalteten Lee und Buscema absolut überzeugend (mit Anleihen an klassische Robin-Hood- und Ritterfilme).

Später, als Thor zum support act der Spinne degradiert worden war, gingen mir seine Abenteuer eher auf den Wecker. Mein Bedarf an pathetischen Helden war irgendwann gedeckt, und die gebrochenen und neurotischen Charaktere, die für Marvel so typisch sind, wurden wesentlich reizvoller.
  
 
Peter L. Opmann, 19.07.2007
 
 
 

  ARTIKEL © 2007 PETER L. OPMANN

ALL IMAGES AND CHARACTERS  TM & © MARVEL ENTERTAINMENT, LLC. ALL RIGHTS RESERVED