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DIE FRÜHEN JAHRE

 

von Peter L. Opmann

 
Etwa mit fünf Jahren, um 1970, bin ich mit Comics in Kontakt gekommen. Meine Eltern brachten mir gele-
gentlich welche vom Einkaufen mit. Meine erste Lieblingsserie, von der ich nach und nach etwa 80 Bände sammeln konnte, war „Bessy“. Aber natürlich war ich damals noch kein Sammler. Ich konnte mir mit einer Mark Taschengeld pro Woche nur wenige Comics leisten. Die meisten lieh ich mir bei Freunden aus. Das heißt, ich las querbeet alles, was irgendwie erreichbar war. Aber realistisch gezeichnete Comics mochte ich von Anfang an lieber als Funnies.

Die Hit-Comics habe ich nicht mehr mitbekommen. Die Werbung für „Die Spinne“ hat mich sogar regelrecht abgeschreckt. Ich stellte mir darunter etwas sehr Gruseliges vor und ließ lieber die Finger davon. Thor war mir dagegen zu Beginn der Williams-Ära gleich sympathisch, und auch die Rächer, bei denen er mitmachte, gefielen mir. Nach und nach legte ich mir Hefte aller damals kursierenden Marvel-Serien zu.

Es gab für mich zwei voneinander getrennte Williams-Phasen. Die erste reichte von der dritten bis zur 16. Williams-Monatsproduktion. In dieser Zeit war ich Grundschüler und konnte mir, wie erwähnt, nur hin und wieder im A & O-Geschäft meines Heimatdorfs ein Marvelheft kaufen. 
Dann wechselte ich aufs Gymnasium in der Kreisstadt und kam eine Weile nicht mehr zum Comicskaufen. Nach knapp zwei Jahren habe ich mir dann wieder mal nach alter Gewohnheit eine Rächer-Ausgabe besorgt, die # 48.

Dieser Kauf war mit mehreren Überraschungen verbunden. Zunächst mal hatte sich bei den Rächern viel getan; aber die Story war von vorneherein so angelegt, daß nach und nach einige Rätsel gelöst wurden, so daß ich mich allmählich in der Serie wieder zurechtfand. Ich stellte auch fest, daß etliche Marvel-Titel überhaupt nicht mehr erschienen. Daß ich zwischendurch die Williams-Expansion verpaßt hatte, wurde mir erst einige Zeit später klar. Erstmals fiel mir auch der Titel „Horror“ auf. Nun war ich aber finanziell in der Lage, mir alle neu erscheinenden Marvelhefte zuzulegen. Bis zu „Spinne“ # 137 habe ich nur noch eine einzige Ausgabe ausgelassen, die irgendwie ausverkauft war, bevor ich sie in die Finger bekam – was dann beim nächsten Mal den Schock auslöste: Was, Gwen Stacy ist tot!?!

Hier nun der Versuch, die Hefte, die mir besonders viel bedeutet haben, noch mal mit den Augen von damals zu betrachten:
 

DER GEWALTIGE HULK # 3

DIE RÄCHER # 4

DER MÄCHTIGE THOR # 12

DIE SPINNE # 17

DIE FANTASTISCHEN VIER # 26

EXKURS

DIE FANTASTISCHEN VIER # 43 und # 56

DIE SPINNE # 71

DIE FANTASTISCHEN VIER # 71

DIE RUHMREICHEN RÄCHER # 48

HORROR # 55

DIE RUHMREICHEN RÄCHER # 55

DIE RUHMREICHEN RÄCHER # 56

DIE RUHMREICHEN RÄCHER # 63

DIE RUHMREICHEN RÄCHER # 65

DIE FANTASTISCHEN VIER # 74 und # 75

DIE FANTASTISCHEN VIER # 90

DIE FANTASTISCHEN VIER # 94

DIE SPINNE # 74

DIE SPINNE # 87

DIE SPINNE # 123

DIE SPINNE # 137

MARVEL SONDERAUSGABE # 2: DER WEISSE HAI 2

 
 

RESÜMEE


Ich will ein Resümee versuchen. Es war ziemlich leicht für mich, aus meiner Sammlung die Williams-Marvels herauszuziehen, die in meiner Kindheit von besonderer Bedeutung waren. Was diese Bedeutung ausgemacht hat, war schon deutlich schwieriger zu ermitteln. Kein Wunder: den kleinen Jungen von damals gibt es nicht mehr. Nach rund 30 Jahren kann ich mich kaum noch in seine Gedankenwelt hineinversetzen. 
Warum es die Marvels waren, die mich faszinierten, und nicht Superman, Tarzan, Phantom oder andere Comics, läßt sich nur schwer erklären. Eine Rolle spielen dürfte die Fremdartigkeit dieser Superheldenwelt (ich erinnere an den Hulk, der ja eigentlich noch aus der Monster-Ära der Marvels stammt, oder an meine eigentümliche anfängliche Angst vor der Spinne). Später war dann das Soap-Element der Serien, besonders der Spinne, ausschlaggebend. Ich lebte in gewissem Sinn mit den Marvel-Figuren.

Wenn man an Dingen aus seiner Kindheit hängt, wird das oft als eine spezielle Form von Nostalgie gedeutet: Man sehnt sich zurück in eine Zeit, als das Leben noch einfach und überschaubar war. Man will sich nicht den Problemen der Gegenwart stellen. Ich glaube nicht, daß dieser Aspekt bei mir eine größere Rolle spielt. Es ist wohl eher so, daß die Comics Teil meiner Kulturerfahrungen sind. Das wird um so deutlicher, als gerade zunehmend Comicverfilmungen ins Kino kommen. Da läßt sich die Hollywood-Ästhetik mit der vergleichen, die die Comiclektüre in meinem Kopf hinterlassen hat. 

Im Kino habe ich einmal eine bemerkenswerte Erfahrung gemacht. Als ich etwa 22 Jahre alt war, habe ich Jean-Jacques Beineix’ „Betty Blue“ gesehen und war von der verrückten Liebesgeschichte hellauf begeist-
ert. Kurz darauf las ich eine Rezension des Kritikers Peter Buchka, der in ironischem Ton die muffige Spießermoral in diesem Film bloßlegte. Er war im Gegensatz zu mir auf die rebellisch-romantische Fassade des Films nicht hereingefallen, weil er einfach über mehr Seherfahrung verfügte als ich. 
Und ich habe darauf meine Meinung über „Betty Blue“ geändert. Bei den Marvels passiert mir das nicht. Ich bin jetzt gleichsam selbst in die Buchka-Rolle geschlüpft und habe mir die Hefte aus einer reiferen Perspektive noch einmal angesehen. Sicher, man sollte hier gewiß nicht von Kunst reden. Diese Comics sind ein Massenprodukt. Man macht durchs Lesen keine bedeutsamen Erfahrungen, man wird nicht einsichtiger, wie das bei wirklichen Kunstwerken der Fall ist. Aber ich finde zumindest, ich habe mich damals als Teenager nicht unter Niveau unterhalten.

Allerdings kann ich der Rolle des Kulturpessimisten nur schwer entkommen. Wenn ich mir die Marvels betrachte, muß ich sagen: Früher war alles besser. 
Die Phase, in der die wichtigsten Serien erfunden wurden, 1961 bis etwa 1964, nötigt mir Respekt ab, weil Zeichner wie Jack Kirby und Steve Ditko zusammen mit Stan Lee innerhalb relativ kurzer Zeit völlig neue Ikonographien entwickelt haben, die dann auch im wesentlichen Bestand hatten. 
Dann kam eine Zeit bis etwa Anfang der 70er Jahre, in der die Marvel-Mitarbeiter aus dem Material sehr viel Phantasievolles und Überraschendes herausgeholt haben. Danach begann ein allmählicher Abstieg hin zu gelangweilter Routine, geistloser Wiederholung und hilfloser Variation, wovon in meinen Augen die Marvel-Comics bis heute gekennzeichnet sind. 
Insofern war es gut, die Williams-Ära großenteils miterlebt zu haben. Als „Die Spinne“ mit der # 137 eingestellt wurde, war es allmählich Zeit, mit dem Lesen dieser Sachen aufzuhören.

Wenn ich nochmal darüber nachdenke, muß ich die Aussage aus dem letzten Absatz doch teilweise wieder zurücknehmen. In den 70er Jahren war ich bereit, jedes neue Heft zu lesen, auch wenn immer wieder mal schwächere darunter waren. 
Heute bin ich dazu nicht mehr bereit, obwohl ich vielleicht feststellen würde, daß ganz gute Sachen dabei sind, wenn ich die Serien nur regelmäßig lesen würde. Damals hatte ich nicht viel Erfahrung und habe alles - auch ziemlich kritiklos - in mich aufgesogen; heute rechne ich mit einem müden Aufguß und spare mir "Civil War" oder ähnliches von vorne herein. 
Da kommt doch Nostalgie ins Spiel: die alten Sachen sehe ich eher positiver als sie waren, die Comics von heute vielleicht eher negativer.
 
 
Peter L. Opmann, 19.07.2007
 
 
 

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